Neue Dimension der globalen Ernährungskrise durch Ukrainekrieg bedarf koordinierter politischer Reaktion

Mechanismus der Zivilgesellschaft und indigener Völker (CSIPM) fordert außerordentliche Plenarsitzung des UN-Ausschusses für Welternährungssicherheit (CFS), um sich mit der neuen Dimension der globalen Nahrungsmittelkrise zu befassen. Bisher vorgeschlagene Lösungen verfehlen das Ziel, einen echten Wandel herbeizuführen und künftige Krisen zu verhindern.

Rom, Italien. Der Krieg in der Ukraine erzeugt eine neue Dimension der globalen Ernährungskrise. Sie kommt zu den bereits bestehenden Krisen hinzu, die auf die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie, zahlreiche Konflikte und langwierige Krisen, große Ungleichheiten und den Klimawandel zurückzuführen sind. Aus diesem Grund hat der Koordinierungsausschuss des Civil Society and Indigenous Peoples’ Mechanism (CSIPM) in einem Offenen Brief an den Vorsitzenden des UN-Ausschusses für Welternährungssicherheit (CSF), Gabriel Ferrero, eine außerordentliche Plenarsitzung des Ausschusses beantragt. Diese außerordentliche Plenarsitzung des CFS soll darauf abzielen, die akkumulierte Krise zu bewältigen, indem die Forderungen aller betroffenen Länder, Gemeinschaften und Akteur*innen zu einer koordinierten globalen politischen Antwort entwickelt werden.

FIAN Österreich hat den Offenen Brief des CSIPM am 7. April 2022 an Agrarministerin Elisabeth Köstinger übermittelt und um die Unterstützung der österreichischen Regierung für die Anliegen der Zivilgesellschaft und Indigenen Völker im UN-Ausschuss für Welternährung ersucht.

In dem Schreiben weist der CSIPM darauf hin, dass die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine insbesondere Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen betreffen, die von Nahrungsmittelimporten abhängig sind. Dies gilt beispielsweise für die Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas, deren lokale Produktionssysteme in den letzten Jahrzehnten geschwächt wurden und die nun in hohem Maße von Lebensmittelimporten, insbesondere von Weizen aus der Ukraine und Russland, abhängig sind.

Weltweit steigen die Lebensmittelpreise bereits seit einiger Zeit. Dieser Anstieg ist mitnichten nur das Ergebnis einer Verknappung der Lebensmittelproduktion, wie einige UN-Institutionen, Agrarexportländer und Agrarkonzerne behaupten. Im Gegenteil, er steht hauptsächlich im Zusammenhang mit einer Reihe von Faktoren wie der COVID-19-Pandemie, Unterbrechungen der Versorgungsketten, Machtkonzentration in den Lieferketten, steigenden Energiepreisen, zunehmender sozialer Ungerechtigkeit und Armut sowie Klimakatastrophen, verschärft durch die Finanzialisierung von Lebensmitteln und Landwirtschaft sowie Spekulation.

Darüber hinaus ist das derzeitige globale agroindustrielle Ernährungssystem stark von fossilen Brennstoffen abhängig. Die Lebensmittelpreise stehen in direktem Zusammenhang mit den Energiepreisen für fossile Brennstoffe, z. B. durch höhere Kosten für Düngemittel und andere Betriebsmittel, für den Transport und die verstärkte Produktion von Agrotreibstoffen. Eine weitere Facette dieser sich anbahnenden Krise ist der zunehmende Wettbewerb bei Futtermitteln. Russland und die Ukraine sind große Maisexporteure, aber nur etwa 12 % des Mais werden als Nahrungsmittel verbraucht, während etwa 60 % als Futtermittel für die Viehzucht bestimmt sind. Unmittelbare Bemühungen zur Bewältigung der Futtermittelkrise, wie z. B. die Zuweisung weiterer Flächen zur Steigerung der Futtermittelproduktion, ohne die tief verwurzelten und vielfältigen Probleme der Intensivtierhaltung in Frage zu stellen, werden den Druck auf die Vielfalt der landwirtschaftlichen Produktion und des Konsums von Lebensmitteln, die für die Gesellschaften in den verschiedenen Regionen der Welt am wichtigsten sind, noch erhöhen.

Problematisch an den aktuellen Reaktionen ist, dass zunehmend die Notwendigkeit eines produktiveren Ansatzes in der Landwirtschaft betont wird, anstatt kleine Familienbetriebe zu unterstützen. In vielen Fällen werden auch vermehrt staatliche Subventionen für Düngemittel gewährt, anstatt umweltfreundliche Ansätze oder die Agrarökologie zu unterstützen. Diese Aspekte, zusammen mit dem sehr hohen CO2-Fußabdruck des Krieges, sind eine zunehmende Bedrohung für unseren Planeten und verschärfende Faktoren der Klimakrise.

Es handelt sich nicht um eine Produktionskrise, die mit den üblichen Rezepten der Agrarindustrie zu bewältigen ist.

"Es handelt sich nicht um eine Produktionskrise, die mit den üblichen Rezepten der Agrarindustrie zu bewältigen ist", macht Tina Wirnsberger, Referentin für Klima, Kleinbäuer*innenrechte und Frauen bei FIAN-Österreich, deutlich. "Wir sehen hier eine weitere Dimension einer Systemkrise, die bereits zuvor zu Hunger und Unterernährung geführt hat. Die agroindustrielle Sichtweise mit ihrem engen Fokus auf Produktionssteigerung um jeden Preis und kurzfristige, profitorientierte Lösungen gehen an den strukturellen und komplexen Ursachen der miteinander verflochtenen Krisen vorbei."

Der Mechanismus für die Zivilgesellschaft und indigene Völker CSIPM ruft daher dringend dazu auf, die Bemühungen auf eine tiefgreifende Umgestaltung der Lebensmittelsysteme zu lenken, in deren Mittelpunkt bäuerliche Agrarökologie, Ernährungssouveränität und Menschenrechte stehen. Viele Länder müssen ihre wirtschaftlichen Strategien neu ausrichten, weg von der Abhängigkeit von globalen Wertschöpfungsketten und hin zu echten wirtschaftlichen Diversifizierungsstrategien, bei denen lokale Ernährungssysteme im Mittelpunkt stehen. Dies kann nur durch eine starke und integrative globale Ernährungspolitik erreicht werden, in deren Mittelpunkt das CFS als die integrativste zwischenstaatliche Plattform für Ernährungssicherheit und Ernährung steht.

Globale Diskussionen über politische Antworten auf diese neue Notlage müssen die Stimmen der CSIPM als den wichtigsten Akteur*innen für Ernährungsouveränität und Ernährungssicherheit in vollem Umfang einbeziehen: Kleinbäuer*innen, indigene Völker, Frauen, Jugendliche, Pastoralist*innen, Lebensmittel- und Landarbeiter*innen, Landlose, Fischer*innen, Verbraucher*innen und städtische Ernährungsunsichere.

"Der Mechanismus für die Zivilgesellschaft und indigene Völker ist bereit, das CFS dabei zu unterstützen, wichtige und entscheidende Schritte in Richtung einer sofortigen, soliden, integrativen, effektiven und global koordinierten politischen Antwort auf die neue Ebene der globalen Nahrungsmittelkrise zu unternehmen, im Einklang mit seinem Mandat zur Förderung von Ernährungssicherheit und Ernährung und der schrittweisen Verwirklichung des Menschenrechts auf angemessene Nahrung für alle", so der Koordinierungsausschuss des CSIPM.

 

Eine Existenzsicherung, die vor Armut schützt, ist dringend notwendig!

2021 waren 17% der Bevölkerung in Österreich armutsbetroffen, wovon fast ein Viertel Kinder sind. Das sind 1.519.000 Menschen, davon 368.000 Kinder. Angesichts der Teuerung von Nahrungsmitteln und Energie steigt die Nachfrage bei Sozialmärkten und anderen Ausgabestellen, wo Lebensmittel zu stark reduzierten Preisen oder umsonst verteilt werden. Ein Mittel, um Armut nachhaltig zu bekämpfen sind sie jedoch nicht. Es braucht Maßnahmen der öffentlichen Hand, die die Existenzsicherung und somit auch das Recht auf Nahrung gewährleisten.

Tag des Kleinbäuerlichen Widerstands: Kleinbäuerliche Saatgutsysteme stärken Ernährungssouveränität, Biodiversität und Klimaresilienz

Am Internationalen Tag des Kleinbäuerlichen Widerstands, dem 17. April, schließt FIAN sich den weltweiten bäuerlichen Bewegungen an. Wir weisen auf die anhaltende Unterdrückung von Bäuer*innen, Landarbeiter*innen und indigenen Völkern hin - insbesondere von Frauen, die den größten Teil der Weltbevölkerung ernähren, aber noch wenig Einfluss auf die Ernährungspolitik haben. 

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