Mikrofinanzkrise: OECD-Beschwerde gegen Oikocredit

Mikrokredite entpuppen sich in Kambodscha seit Jahren als Schuldenfalle. Während sie europäischen Investoren Profite bringen, führen sie vor Ort zu Landverlust, Armut und Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem hat der sogenannte „ethische“ Investor Oikocredit seine Investitionen in Kambodscha sogar noch erhöht. Drei NGOs legen daher nun Beschwerde gegen Oikocredit bei der OECD ein.

Viele Kambodschaner:innen sind wegen Überschuldung gezwungen, Haus und Hof zu verkaufen. (Foto: FIAN/Mathias Pfeifer)

Kambodscha hat den größten Pro-Kopf-Mikrofinanzsektor der Welt. Die durchschnittliche Kredithöhe beträgt mehr als das Dreifache des jährlichen Durchschnittseinkommens. In den letzten fünf Jahren haben laut einer vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanzierten Studie mehr als 160.000 Menschen ihr Land verloren, weil sie es für Kredite als Sicherheit hinterlegen mussten. Ein Bericht der kambodschanischen Menschenrechtsorganisationen LICADHO und Equitable Cambodia zeigt weitere Folgen der Überschuldung und aggressiven Inkassopraktiken im Mikrofinanzsektor auf: Ernährungsunsicherheit, erzwungene Landverkäufe, Kinderarbeit und Migration.

OECD-Beschwerde gegen Oikocredit

Die Menschenrechtsorganisationen LICADHO, Equitable Cambodia und FIAN Deutschland haben heute bei der Nationalen Kontaktstelle für OECD-Leitsätze der niederländischen Regierung Beschwerde gegen Oikocredit International eingereicht. Dem ethischen Investor mit Hauptsitz in den Niederlanden wird vorgeworfen, weiter in großem Stil in kambodschanische Mikrofinanzinstitute (MFI) investiert zu haben, obwohl die weitverbreitete Überschuldung und deren absehbare negative Folgen vom UN-Generalsekretär, von lokalen und internationalen Menschenrechtsgruppen, Journalist:innen und sogar von einer durch Oikocredit selbst unterstützten Studie bereits 2017 bestätigt wurden. Trotzdem erhöhte Oikocredit das Kambodscha-Portfolio von EUR 50 Millionen im Jahr 2017 auf mehr als EUR 67 Millionen im September 2022. Kambodscha ist damit nach Indien nun das zweitgrößte Investitionsland für Oikocredit.

11,5 Prozent des Mitgliederkapitals aus Österreich

Rund 11,5 Prozent bzw. 129 Mio. Euro des Mitgliederkapitals Oikocredits stammt von österreichischen Anleger:innen, die guten Gewissens glauben, mit ihrer Investition die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern. Auch Oikocredit Österreich wurde über die negativen Entwicklungen für die Betroffenen in Kambodscha informiert, zuletzt bei einem persönlichen Gespräch mit FIAN im November. „Oikocredit und andere private und staatliche Investoren haben die vielen Belege für die weitverbreitete Überschuldung und Missstände in Kambodscha ignoriert und pumpen weiterhin Geld in den hiesigen Mikrofinanzmarkt“, kritisiert Lukas Schmidt, Geschäftsleiter bei FIAN Österreich.

Die OECD-Beschwerde kommt zu einem Zeitpunkt, an dem mehrere von Oikocredit finanzierte MFI in Kambodscha Gegenstand einer laufenden Beschwerde bei der Ombudsstelle CAO der Weltbanktochter International Finance Corporation (IFC) sind. Die CAO-Beschwerde wurde im Februar 2022 von LICADHO und Equitable Cambodia im Namen von betroffenen Kreditnehmer:innen eingereicht; seit dem 10. November läuft die Compliance Überprüfung im Rahmen dieses Verfahrens.

 

Eklatanter Mangel an Due-Diligence auch bei anderen Akteuren

 

Der strukturierte Mikrofinanzfonds Microfinance Enhancement Facility (MEF), an dem unter anderem europäische Entwicklungsbanken und die IFC maßgeblich beteiligt sind, vergab im Laufe von 2021 neue Investitionen an kambodschanische MFI in Höhe von fast US$ 20 Millionen. Im April 2022 genehmigte die Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) ihre ersten Investitionen in den kambodschanischen Mikrofinanzsektor und sagte zwei kambodschanischen MFI, die derzeit Gegenstand der Weltbank-Beschwerde sind, US$ 175 Millionen zu. Und im August 2022 nahm das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) Investitionen in kambodschanische MFI in seine SDG-Investorenplattform auf. All dies zeugt von einem eklatanten Mangel an Due Diligence und Bewusstsein für die Probleme im Sektor bei den involvierten Akteuren.

 

Menschenrechtskrise: Investoren müssen Missstände beheben

„Oikocredit behauptet, ein sozialer Investor zu sein, aber ihre Investitionen nach Kambodscha haben zu irreparablen Schäden an Kreditnehmer:innen geführt“, so Naly Pilorge, Outreach Director bei LICADHO. Gemeinsam mit Eang Vuthy, Executive Director von Equitable Cambodia erwartet sie, dass die OECD-Beschwerde Oikocredit und andere ‚ethische‘ oder ‚Impact‘-Investoren, die diese Menschenrechtskrise mitverursacht haben, dazu bringen werde, die Missstände zu beheben und den kambodschanischen Kreditnehmer:innen wirklich zu helfen. Die Menschenrechtsorganisationen sind jederzeit zu einer Zusammenarbeit mit Investoren bereit, die daran interessiert sind, echte Lösungen für die in Not geratenen Kreditnehmer:innen zu finden.

Link zur Beschwerde

Status des Beschwerdeverfahrens

Rückfragen an:
Lukas Schmidt, Geschäftsleiter FIAN Österreich, Tel: +43 (0)1/2350 239-13
- Eang Vuthy, Executive Director of Equitable Cambodia, per Signal: +855 12791700 (Englisch)
- Naly Pilorge, Outreach Director of LICADHO, per Signal: +855 12214454 (Englisch)
Mathias Pfeifer, Referent FIAN Deutschland, Tel: +49 17654113988

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