Mangelernährung braucht keine High-Tech-Lösungen

Neuer Right to Food and Nutrition Watch veröffentlicht Einfluss von Lebensmittelkonzernen nimmt zu, Industrie schlägt aus Mangelernährung Profite

Wien, 14.10.2015 - Transnationale Lebensmittel- und Agrarunternehmen üben wachsenden Einfluss auf das globale Ernährungssystem aus. Vor diesem Missstand warnen FIAN und 'Brot für die Welt' anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober. Zur Überwindung von Hunger und Mangelernährung bringen Konzerne immer mehr Lebensmittel auf den Markt, die künstlich mit Zusatzstoffen angereichert wurden. Ihre Rolle als Mitverursacher von Mangel- und Fehlernährung wird dabei von der Politik oft ausgeblendet. FIAN und 'Brot für die Welt' prangern diesen Machtzuwachs der Konzerne im neuen Right to Food and Nutrition Watch an. Ausreichende und ausgewogene Ernährung sicherzustellen, ist eine staatliche Verpflichtung und darf nicht von privatwirtschaftlichen Interessen unterlaufen werden.

Während die Zahl der Hungernden mit 795 Millionen Menschen laut Welternährungsorganisation FAO leicht gesunken ist, nimmt die Mangelernährung – also die Unterversorgung mit Vitaminen und Mineralstoffen - zu. Weltweit leiden zwei Milliarden Menschen an Mangelernährung. Besonders kritisch sehen 'Brot für die Welt' und FIAN die verstärkte Einflussnahme von Nahrungsmittelkonzernen auf die Politikgestaltung – auch über Plattformen wie Scaling Up Nutrition (SUN) oder die Global Alliance for Improved Nutrition (GAIN). Die oberste Priorität von transnationalen Unternehmen ist es, ihre Marktanteile auszuweiten und nicht, eine gerechte Gesellschaft zu stärken.

„Unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Mangelernährung in Entwicklungsländern setzt SUN auf High-Tech-Lösungen, anstatt auf gemeinschaftsbasierte Lösungsansätze, die auf dem Menschenrecht auf Nahrung aufbauen. Die strukturellen Ursachen von Mangelernährung werden ignoriert. Die Förderung von Wirtschaftspartnerschaften im Bereich der Mangelernährung gibt Unternehmen beispiellosen Einfluss auf die Politikgestaltung“, so Brigitte Reisenberger von FIAN Österreich. Diese Initiativen promoten technische Lösungen, wie künstliche Zusatzstoffe, und versuchen so eine Entpolitisierung der Ernährungskrise zu bewirken. „Gesunde Ernährung braucht meist keine künstlich beigesetzten Vitamine. Durch den Ausbau von lokalen, kleinbäuerlichen Strukturen und eine Rückbesinnung auf traditionelle Anbaumethoden kann in vielen Regionen eine ausgewogene Ernährung erreicht werden“, so Bischof Michael Bünker, Schirmherr von Brot für die Welt.

Ernährung ist politisch

Der Right to Food and Nutrition Watch steht 2015 unter dem Motto „Peoples’ Nutrition Is Not a Business”. Der jährlich erscheinende Bericht deckt die subtilen, aber erschreckenden Verstöße gegen das Menschenrecht auf Nahrung durch internationale Konzerne auf. Er klagt an, dass die Unternehmen häufig straflos davon kommen. Der Bericht reduziert das Thema Ernährung nicht auf medizinische und technische Bereiche, sondern erweitert seine Analyse um kritische politische und systemische Dimensionen. Es braucht auf den Menschenrechten basierende und von Wirtschaftsinteressen unabhängige Lösungsansätze, um vielfältige, gesunde, nachhaltige und kulturell angemessene Ernährung sicherstellen, so das Fazit des Right to Food and Nutrition Watch.

Rückfragehinweise

FIAN Österreich

Linnéa Richter, Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: (+43) 1 - 2350239-12
E-Mail: linnea.richter@fian.at

Brigitte Reisenberger, Koordinatorin
Tel: (+43) 1 - 2350239-13, Mobil: (+43)699 183 30 033
E-Mail: brigitte.reisenberger@fian.at

Brot für die Welt

Roberta Rastl-Kircher, Diakonie Österreich & Brot für die Welt, Presse und Öffentlichkeitsarbeit
Tel: (+43) 1 409 80 01-14, Mobil: (+43) 664 314 93 95
E-Mail: roberta.rastl@diakonie.at. Web: www.brot-fuer-die-welt.at, www.diakonie.at

Right to Food and Nutrition Watch: www.rtfn-watch.org

Der Watch ist ein zivilgesellschaftliches Instrument, das die Politik überwacht und Ungerechtigkeit im Ernährungssystem benennt. Er erscheint 2015 zum 8. Mal in Englisch, Französisch und Spanisch und wird von einem internationalen Konsortium aus Fachorganisationen und Netzwerken herausgegeben.

Terminaviso

Präsentation des Right to Food and Nutrition Watch: Macht Handel Hunger?
30.10.2015, 18:00 Uhr
Mit Biraj Patnaik, Chefberater zum Recht auf Nahrung, Oberster Gerichtshof in Indien
Dachsaal, VHS Wiener Urania, Uraniastraße 1, 1010 Wien

Petition "Menschenrechte brauchen Gesetze!"

Für den Schutz der Menschenrechte bei internationalen Unternehmenstätigkeiten gibt es bislang nur unverbindliche Leitprinzipien. Diese freiwilligen Vorgaben sind nicht ausreichend, denn trotzdem werden die Menschenrechte von vielen Millionen Kleinbäuer*innen und anderen im Ernährungssystem Beschäftigten, die in globalen Wertschöpfungsketten eingebunden sind, permanent verletzt. Es braucht verbindliche Regulierungen, um Verstöße gegen das Recht auf Nahrung zu verhindern oder Gerechtigkeit für Betroffene herzustellen. Ein Lieferkettengesetz ist ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Hunger und Mangelernährung und für die Umsetzung der UN-Erklärung für die Rechte von Kleinbäuer*innen und anderen Menschen, die in ländlichen Regionen arbeiten. 

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