Ein krisenfestes Ernährungssystem braucht Kleinbäuer*innen!

Internationaler Tag des kleinbäuerlichen Widerstands am 17. April 

Foto: (c) FIAN

Der Internationale Tag des kleinbäuerlichen Widerstands macht deutlich, dass wir es selbst in der Hand haben, ob wir die aufgrund der Pandemie drohende Nahrungsmittelkrise erfolgreich bewältigen oder ob wir Ungleichheit und Ausgrenzung weiter verschärfen. Vor allem aber erlaubt uns dieser Tag, uns eine andere Zukunft vorzustellen, eine Zukunft, die nicht nur auf nachhaltigen, transformativen Ernährungssystemen aufbaut, welche zur Ausmerzung von Hunger und Mangelernährung beitragen, sondern auch diejenigen wertschätzt und schützt, die die Welt ernähren.

Wie FIAN in einem ersten Bericht festhielt, haben die bisher gesetzten COVID-19 Maßnahmen sich in besonderer Weise auf marginalisierte und diskriminierte Gruppen ausgewirkt, sei es aufgrund ihres sozioökonomischen Status, des Geschlechts oder der ländlichen Herkunft. Obwohl sie eine entscheidende Rolle bei der Stärkung der Widerstandsfähigkeit von Regionen, Gemeinden und ganzen Ländern spielen, gehören die kleinbäuerlichen Produzent*innen und ihre Gemeinden zu den am stärksten von den Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus betroffenen Gruppen. Das hilft nicht bei der Überwindung der drohenden Nahrungsmittelkrise – ganz im Gegenteil.

Verheerende Auswirkungen der derzeitigen Maßnahmen

Die in verschiedenen Teilen der Welt verhängten Abriegelungen und Ausnahmezustände haben verheerende Auswirkungen auf die lokale Produktion und den Zugang der Menschen zu angemessener Nahrung. Beispiele dafür sind die Schließung von Bauernmärkten und die Behinderung der Nahrungsmittelproduktion und -ernte. An einigen Orten haben saisonale - oft migrantische – Landarbeiter*innen und Lebensmittelverkäufer*innen aufgrund von Bewegungseinschränkungen und Grenzkontrollen ihre Haupteinnahmequelle verloren, Hirt*innen, Viehzüchter*innen und Fischer*innen ist es oft nicht erlaubt, ihre Produkte zu den Verbraucher*innen zu bringen.

Währenddessen herrschen in anderen Regionen für Landarbeiter*innen prekäre Arbeitsbedingungen, einschließlich verlängerter Arbeitszeiten und fehlender Sicherheitsmaßnahmen. Gleichzeitig haben Organisationen einen Mangel an adäquaten koordinierten internationalen Maßnahmen zwischen Staaten und zwischenstaatlichen internationalen Institutionen geltend gemacht, um die internationalen Nahrungsmittellieferungen während der COVID-19-Krise über die Grenzen hinweg aufrechtzuerhalten.  Die Welt hat in ihrer Abhängigkeit von globalen Nahrungsmittelketten die Macht lokaler Nahrungsmittelsysteme - die die Umwelt respektieren - vernachlässigt und unterschätzt, dass wir jetzt leere Regale in Supermärkten und Lebensmittelgeschäften vorfinden. 

Sinnes- und Systemwandel notwendig

Um es mit den berühmten Worten Einsteins zu sagen: "Man kann ein Problem nicht mit den gleichen Denkstrukturen lösen, die zu seiner Entstehung beigetragen haben". Das ist es, was Regierungen mehr denn je erkennen sollten: Es ist an der Zeit, die Rolle von Kleinbäuer*innen und anderen Menschen, die in ländlichen Gebieten arbeiten - insbesondere der Frauen auf dem Land - zu schätzen. Als die Hauptnahrungsmittellieferant*innen der Weltbevölkerung, die auch die biologische Vielfalt schützen, müssen ihre Menschenrechte von den Staaten gewährleistet werden, so wie es im nationalen Recht und im internationalen Menschenrechtsrecht sowie der UN-Erklärung der Rechte der Kleinbäuer*innen und anderer in ländlichen Gebieten arbeitender Menschen und den Initiativen zur Erreichung der SDGs festgelegt ist.

In Zeiten von COVID-19 und darüber hinaus müssen die Kleinbäuer*innen ihre Fähigkeit bewahren, angemessene Nahrungsmittel zu produzieren und damit die Versorgung von hunderttausenden Gemeinschaften weltweit aufrecht zu halten. In diesem Sinne müssen die Staaten geeignete wirtschaftliche Anreize wie Subventionen und Steuererleichterungen für die Kleinproduzent*innen umsetzen und transformative Ansätze unterstützen, die sich auf Wissen und Erfahrung von Kleinbäuer*innen in diesem Bereich stützen.

Ein adäquater Ausweg aus der Krise sollte die Staaten dazu veranlassen, Maßnahmen für vielfältige Ernährungssysteme zu ergreifen, die gerechtere Gesellschaften, die Gesundheit der Menschen und die Ökosysteme unterstützen. Maßnahmen zur Unterstützung der agroökologischen Produktion, zur Förderung kurzer lokaler Kreisläufe und Versorgungsketten sowie zur Priorisierung von kleinstrukturierten Lebensmittelmärkten, Direktvermarktung und informellen Lebensmittelverkäufer*innen sind wichtige Schritte, die letztlich die langfristige Widerstandsfähigkeit gegen Naturkatastrophen und andere schwere Störungen stärken.

Wenn wir diese Krise und eine drohende Nahrungsmittelkatastrophe bewältigen wollen, müssen die Regierungen die Kleinbäuer*innen weltweit schützen und wertschätzen und gleichzeitig die notwendige Transformation unserer Ernährungssysteme unterstützen.

Rückfragen: tina.wirnsberger(at)fian.at

Indien: Kleinbäuer:innen in Odisha weiterhin von Vertreibung und Umweltzerstörung bedroht

Seit 2005 protestiert die Landbevölkerung im Bezirk Jagatsinghpur (Bundestaat Odisha) gegen Umweltzerstörung und die unrechtmäßige Aneignung ihres Landes. Dort sollen Industrieanlagen und Infrastruktur – darunter Stahl- und Zementwerke, ein Kraftwerk und ein Hafen – errichtet werden. FIAN Österreich rief in Zusammenarbeit mit FIAN International im März 2022 zu einer Briefaktion auf, um mehr als 40.000 Kleinbäuer*innen, Landarbeiter*innen und Fischer*innen vor dem Verlust ihrer Lebensgrundlagen zu schützen. Zu Jahresbeginn berichtet der Sprecher der Bewegung von Polizeirepression, gewaltsamen Übergriffen und zunehmenden Festnahmen und erneuert dringend die Forderungen.

Das Recht auf Nahrung in Europa

Die Ernährungsunsicherheit und Armut nehmen weltweit zu. Auch in Europa. Nach Schätzungen von Eurostat waren 21,7% der EU-Bevölkerung im Jahr 2021 armuts- oder ausgrenzungsgefährdet. Viele stellen sich u.a. die Frage: Heizen oder Essen? Die existierenden Maßnahmen und Programme kommen für viele zu kurz. Es ist essenziell, dass die Staaten den Zugang zu einer selbstbestimmten, angemessenen und ausreichenden Ernährung sichern.

Mikrofinanzkrise: OECD-Beschwerde gegen Oikocredit

Mikrokredite entpuppen sich in Kambodscha seit Jahren als Schuldenfalle. Während sie europäischen Investoren Profite bringen, führen sie vor Ort zu Landverlust, Armut und Menschenrechtsverletzungen. Trotzdem hat der sogenannte „ethische“ Investor Oikocredit seine Investitionen in Kambodscha sogar noch erhöht. Drei NGOs legen daher nun Beschwerde gegen Oikocredit bei der OECD ein.

Konzerne müssen für Menschenrechts- und Umweltverbrechen zur Rechenschaft gezogen werden

Transnationale Konzerne und Unternehmen, die Lieferketten kontrollieren, bleiben in der Regel straffrei, wenn es um Menschenrechtsverletzungen geht, die oft mit Landraub und Umweltverschmutzung zusammenhängen. Am Montag, 24. Oktober, treffen sich Staaten eine Woche lang im UN-Menschenrechtsrat in Genf, um die langjährigen Verhandlungen über ein Abkommen fortzusetzen, das sie zur Verantwortung ziehen soll.

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