COP26: Digitale Landtechnik ist kein Allheilmittel für das Klima

Wenn sie von Konzernen kontrolliert werden, schaffen digitale Landwirtschaftsinitiativen neue Armutsfallen für kleine Lebensmittelproduzent*innen und fördern gleichzeitig umweltschädliche, intensive landwirtschaftliche Praktiken.

Die Idee, in der Landwirtschaft auf Hightech zu setzen, wurde auf dem von Unternehmen unterstützten Welternährungsgipfel der Vereinten Nationen (UNFSS) im vergangenen Monat als Königsweg gegen den Welthunger und den Klimawandel propagiert. "Neue und innovative Technologien wie Biotechnologien, Präzisionslandwirtschaft und digitale Landwirtschaft [...] müssen genutzt werden, um die Lebensmittelsysteme zu verbessern", heißt es in den Worten der UNFSS Scientific Group.

Technologie wird zwar oft mit dem Streben nach Komfort und Fortschritt in Verbindung gebracht, aber das ist nicht immer so. Nicht jeder ist am Ende ein Gewinner. Dies gilt vor allem dann, wenn Fragen der Macht und des Profits, der Kontrolle über diese Technologien und des Nutzens für wen, verschleiert oder sogar unausgesprochen bleiben. Und genau das ist während des Gipfels geschehen.

Agrarindustrie & Tech-Konzerne

Initiativen zur digitalen Landwirtschaft sind bereits in vollem Gange. Neue Akteure aus der Tech-Szene wie Microsoft und Amazon tauchten in der Lebensmittelindustrie auf, um bei der Einführung der digitalen Landwirtschaft mitzuwirken. Agrochemiekonzerne und internationale Organisationen statten die Landwirt*innen mit Hardware-Technologie aus - chemische Betriebsmittel, Traktoren und Drohnen. Technologieunternehmen stellen die kompatiblen Softwareanwendungen bereit und kontrollieren die Agrar- und Klimadatenströme.

Viele Unternehmen sind auf den Zug der digitalen Technologie aufgesprungen: Der Mischkonzern Monsanto-Bayer bietet die Plattform "Climate Fieldview" an, um direkten Zugang zu landwirtschaftlichen Daten vom Feld zu erhalten. BASF betreibt aus demselben Grund die App "Xarvio", ChemChina-Syngenta "Cropio" und Microsoft die Azure "FarmBeats"-Plattform. Sie bieten Landwirt*innen im Tausch gegen ihre Daten Ratschläge an, was und wie sie pflanzen sollen. Die Landwirt*innen können historische Felddaten und Informationen über Saatgut und Pflanzung in die App hochladen.

Ortungsgeräte an Traktoren und anderen Geräten können zusätzliche Daten über die Praktiken auf dem Feld liefern. Das Unternehmen kann dann die erhaltenen Informationen mit seinen Datensätzen - etwa zu Bodenqualität, Schädlingen und Krankheiten - überlagern und den Landwirt*innen Empfehlungen geben, was sie kaufen sollten, um bestimmte Probleme zu lösen.

Armutsfalle für Kleinbäuer*innen

Digitale Technologien sind nicht per se schlecht, aber die Art und Weise, wie die meisten dieser technikaffinen Möglichkeiten zur Verbesserung der Lebensmittelsysteme konzipiert und umgesetzt werden, schadet wahrscheinlich mehr als sie nützt. Sie werden von profitgierigen Konzernen kontrolliert und dienen hauptsächlich der Effizienzsteigerung, um die Produktivität der intensiven industriellen Landwirtschaft und ihrer großflächigen Monokulturen zu erhöhen.

Der massive Einsatz chemischer Betriebsmittel - Düngemittel, Herbizide und Saatgut - und fossil betriebener Maschinen in der industriellen Landwirtschaft ist eine der Hauptursachen für die weltweite Nahrungsmittel- und Klimakrise. Soziale Ungerechtigkeiten, Menschenrechtsverletzungen und die starke Abhängigkeit von oft kostspieligen chemischen Betriebsmitteln und Maschinen halten Kleinbäuer*innen in einer Armutsspirale. Die digitalen Technologien in der Landwirtschaft bekämpfen diese Ursachen von Hunger und Unterernährung nicht. Vielmehr werden sie die Kleinbauern noch mehr in einen weiteren Abhängigkeitszyklus hineinziehen.

Sobald sie in den Genuss der digitalen Dienstleistungen der Unternehmen kommen, werden sie ermutigt und oft auch gezwungen, Produkte der Unternehmen zu kaufen, wie z. B. chemische Betriebsmittel, und ihre Produkte an Partnerunternehmen zu verkaufen. Ironischerweise sind Landwirt*innen, die Agrarökologie und Mischkulturen praktizieren, nicht in der Lage, die Ratschläge der Unternehmen zu "nutzen". Die Agrarökologie arbeitet ohne chemische Hilfsmittel und mit und nicht gegen die Natur.

Pestizide & Daten

Hinzu kommt, dass viele Kleinbäuer*innen oft keinen Zugang zu einer angemessenen Internet-Infrastruktur und zu Geräten der digitalen Technologie haben. Diese digitale Kluft benachteiligt sie weiter, da sie nicht von Initiativen zur digitalen Landwirtschaft profitieren können.

Die Förderung dieser konzerngesteuerten digitalen Ansätze in politischen Foren - wie der vergangenen UNFSS und der bevorstehenden UN-Klimakonferenz (COP26) in Glasgow - wird die bereits bestehende enorme Machtkonzentration der Konzerne im Lebensmittel- und Agrarsektor noch verstärken. Ein aktueller Bericht des UN-Sonderberichterstatters für das Recht auf Nahrung, Michael Fakhri, fordert die UN und ihre Mitgliedsstaaten auf, verbindliche Regeln zu verabschieden, um die wachsende Macht der Konzerne einzudämmen.

Eine Partnerschaft zwischen der Alliance for a Green Revolution (AGRA), der von den USA finanzierten philanthropischen Organisation, und Microsoft im Jahr 2020 ist ein Beispiel für eine weitere mächtige gemeinsame Unternehmensinitiative. Daten sind zu einer Handelsware geworden. Die lokalen Netzwerke von AGRA helfen Microsoft, seine digitale Plattform und Chatbot-App Kuzabot zu fördern. Microsoft verkauft die gesammelten Daten dann zum Beispiel an Pestizid- und Versicherungsunternehmen.

Kritik an Welternährungsgipfel

AGRA, Bayer und andere Unternehmenspartner nahmen an der vergangenen UNFSS teil, um Regierungen von ihren technologiebasierten Ideen für eine nachhaltige Transformation der Ernährungssysteme zu überzeugen. Ein weithin kritisiertes Multi-Stakeholder-Modell gab privatwirtschaftlichen Akteuren und unternehmensfreundlichen Wissenschaftlern eine führende Rolle bei der Gestaltung der Gipfelprozesse. Die Stimmen der Zivilgesellschaft, die menschenrechtsbasierte Prozesse und radikale Wege forderten, wurden übergangen. Der aus einer Partnerschaft zwischen dem UN-Generalsekretär und dem Weltwirtschaftsforum hervorgegangene Gipfel ist nicht legitimiert, normative Verpflichtungen zu definieren.

Dennoch unterstützen viele Regierungen den geplanten Folgeprozess des Gipfels, der die vorgeschlagenen unternehmensgeprägten digitalen Technologielösungen wahrscheinlich legitimieren wird.

Trojanisches Pferd am UN-Klimagipfel

Dieselben Unternehmen bereiten sich nun auch darauf vor, ihre gewinnorientierten Ideen für digitale Innovationen in der Landwirtschaft bei den Regierungen auf der bevorstehenden COP26 zu propagieren.

Microsoft ist einer der Hauptsponsoren der Konferenz. Unter den Schlagwörtern "naturverträgliche Produktion" und "klimafreundliche Landwirtschaft" werden Initiativen wie Tech For Our Planet und AIM auf der Konferenz konzerngeprägte digitale Lösungen vorstellen. Konzerngesteuerte digitale Landwirtschaftsinitiativen, die sich auf intensive Landwirtschaft konzentrieren, werden Kleinbäuer*innen wahrscheinlich in eine weitere Armutsfalle treiben, während sich die sozio-ökologische Krise weiter verschärft.

Digitale Technologie in der Landwirtschaft kann nur funktionieren, wenn sie auf den Menschenrechten basiert und die Agrarökologie fördert. Viele Farmer-to-farmer Netzwerke wie "FarmHack" haben bereits bewiesen, dass sie ein großes Potenzial haben, unsere kaputten ökologischen und Ernährungssysteme wiederherzustellen.

Wenn die Regierungen im Anschluss an den Gipfel und bei der kommenden COP26 diese konzerngesteuerten Lösungen für die digitale Landwirtschaft unterstützen, vernachlässigen sie ihre Verpflichtung, Nahrung als Menschenrecht und nicht als Ware zu behandeln.

UN-Treaty und Lieferkettengesetz

Die Zeit läuft uns davon. Wir brauchen radikale Lösungen, die eine Fortsetzung des "Business-as-usual" verhindern. Die EU und die Bundesregierung müssen der wachsenden Macht der Konzerne mit verbindlichen Regeln wie dem UN-Treaty sowie einem Lieferkettengesetz auf europäischer und nationaler Ebene zum Schutz von Klima, Umwelt und Menschenrechten Einhalt gebieten. Herbizide müssen verboten und Konzernmonopole bei Saatgut beendet werden.

Rückfragen: tina.wirnsberger@fian.at

 

Der Originaltext in Englischer Sprache wurde erstmals am 18.10.2021 in The Ecologist veröffentlicht.

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