Zusammen agrarökologische Schritte gehen

Nach vielen Wochen des gemeinsamen Lernens geht der agrarökologische Lehrgang von FIAN Österreich in Kooperation mit dem WeltTellerFeld im Oktober zu Ende. 13 junge Erwachsene wurden als Multiplikator*innen für eine agrarökologische Transformation ausgezeichnet.

Agrarökologie verbindet ökologische Landwirtschaft mit sozialer Gerechtigkeit, Teilhabe und Selbstbestimmung. Sie zeigt, wie sich Ernährungssysteme von unten nach oben gerechter gestalten lassen. Genau daran setzte der agrarökologische Lehrgang von FIAN Österreich und dem WeltTellerFeld an. Von März bis Oktober bekamen die Teilnehmenden einen Einblick in die Bildungsarbeit für eine Transformation der Landwirtschaft und des Ernährungssystems hin zur Agrarökologie. Diese wird als unerlässlich angesehen, um das Recht auf Nahrung zu verwirklichen.

Junge Menschen wollen sich einbringen

Der Lehrgang war Teil des von der Europäischen Union geförderten DEAR-Projekts „Rebooting the Food System“, auf Deutsch: „Das Ernährungssystem neu starten“. Unter diesem Motto förderte die Europäische Union drei Jahre lang non-formale Bildungsprojekte für Menschen unter 30 Jahren in 14 EU-Ländern.

Wie groß das Interesse junger Menschen an einem gerechteren „Neustart“ des Ernährungssystems ist, zeigte sich bereits beim ersten Treffen im März im Büro von FIAN Österreich: Es kamen so viele 20- bis 30-Jährige, dass zusätzliche Stühle aus einem nahegelegenen Café geholt werden mussten. Der Wunsch nach Praxis, aktiver Mitgestaltung und Handlungsorientierung war von Beginn an deutlich spürbar.

Mit den Händen in der Erde

Um diese Praxis erlebbar zu machen, fanden die meisten Treffen am WeltTellerFeld statt. Das entwicklungspolitische Bildungsprojekt im 22. Wiener Gemeindebezirk umfasst eine landwirtschaftliche Nutzfläche von rund 3.000 m², die symbolisch den Flächenbedarf für den jährlichen Lebensmittelkonsum einer Person in Österreich darstellt. Über Führungen und Workshops zu den Grundlagen der Agrarökologie sowie durch das Kennenlernen der Vielfalt von Hülsenfrüchten – etwa durch das Aufschneiden von Knöllchenbakterien an Klee-Wurzeln – wurde Wissen Schritt für Schritt geteilt und erweitert.

Besonders beliebt war die gemeinsame Arbeit auf dem Feld. Beim warmen Apriltreffen wurde umgegraben und Gemüse gesetzt. Acht Wochen später staunten die Teilnehmer*innen über die kräftig gewachsenen Pflanzen. Dadurch wurde auch deutlich, wie sehr wir vom Anbau unseres Gemüses entfremdet sind. Viele Teilnehmer*innen haben bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal gesehen, wie etwa Fenchel wächst.

Foto: Beikraut jäten am WeltTellerFeld | (c) FIAN Österreich

Globale Ungleichheiten aufdecken

Der Gemüseanbau nimmt auf dem Feld nur einen geringen Anteil ein: 67 Prozent der Fläche stellen den Bedarf für Weide- und Futterflächen für tierische Produkte dar. Zudem liegen 55 Prozent der Anbaufläche nicht in Österreich, sondern im Ausland. Die Aufteilung macht deutlich, dass agrarökologische Transformation global denken und lokal handeln muss: Agrarökologisches Handeln in Österreich wirkt auch über Landesgrenzen hinweg. Der Lehrgang beleuchtete dies vor allem anhand der Macht von Lebensmittelhandelsketten über unseren Konsum.

Foto: Workshop im FIAN Büro | (c) FIAN Österreich

Als Lernort diente der Seminarraum des genossenschaftlichen Supermarkts MILA im 12. Wiener Gemeindebezirk. Ein Experiment für einen Supermarkt, der Transparenz und Mitbestimmung wiederherstellen möchte. Hier diskutierten die Teilnehmenden mit der brasilianischen Anwältin Thabata Pena Pereira über Ausbeutung und Menschenrechtsverletzungen entlang von Lieferketten. Anhand ihrer Arbeit für die Opfer des Dammbruchs in Brumadinho, Brasilien, zeigte sie die Folgen fehlender Regulierung in globalen Lieferketten auf.

Orte der Agrarökologie erleben

Nach der Präsentation der menschenrechtlichen Arbeit von FIAN Österreich, etwa zu Vertreibungen durch Kaffeeplantagen in Uganda, durch Projektreferentin Elisabeth Jost, wurde die enorme Machtungleichheit im globalen Ernährungssystem spürbar. Es stellte sich die Frage: Wie kann Bildungsarbeit im Kleinen dagegenhalten?

Eine Antwort des Lehrgangs lautet: Alternativen suchen, sichtbar machen und öffentlich diskutieren. Agrarökologische Beispiele gibt es weltweit, auch in Österreich: bäuerliche und ökologische Landwirtschaft, Hofläden, Wochenmärkte, Solidarische Landwirtschaft, genossenschaftliche Supermärkte, FoodCoops und Ernährungsräte. In den Treffen lernten die Teilnehmer*innen viele dieser Projekte kennen.

Besonders prägend war der Besuch zweier junger Gemüsegärtnerinnen, die von ihrer Arbeit berichteten und die Konzepte der solidarischen Landwirtschaft und der Marktgärtnerei vorstellten. So wurde das Lernen immer mit dem konkreten Umfeld verbunden und es wurde deutlich, dass Theorie und Praxis in der Agrarökologie untrennbar zusammengehören.

Foto: Besuch der Gemüsegärtnerinnen am WeltTellerFeld | (c) FIAN Österreich

Den Wandel selber gestalten

Bei strahlendem Spätsommerwetter fand der Lehrgang beim Erntefest am WeltTellerFeld seinen Abschluss. Die Teilnehmer*innen hatten in Gruppen Themen wie Fleischkonsum, die Vielfalt von Hülsenfrüchten, ausbleibende Klimapolitik und das Zulassen von Visionen spielerisch aufbereitet. Viele Besucher*innen blieben lange an den Ständen, um sich auszutauschen, oder ruhten sich an der Station „Traumreise“ im Schatten aus.

Ein zentrales Prinzip der Agrarökologie ist die Ko-Kreation von Wissen, also gemeinsames Lernen, Teilen und Gestalten auf Augenhöhe. Dass den Teilnehmer*innen dies nach Wochen gemeinsamer Arbeit so überzeugend gelang, macht Hoffnung auf mutige Transformationen.

Foto: Stationen der Teilnehmenden beim Erntefest | (c) FIAN Österreich

Titelfoto: Daniel Pöhlmann

 

Veranstaltungsreihe mit FIAN Indonesien

Von 21. bis 27. November bekommen wir Besuch von Kolleginnen aus FIAN Indonesien. Im Rahmen des Besuchs wird es auch mehrere Veranstaltungen geben. Wir sprechen darüber, wie Schulmahlzeiten zu einem gerechteren, gesünderen und nachhaltigeren Ernährungssystem beitragen können. In einem Zine-Workshop erarbeiten wir gemeinsam unsere Vorstellungen über unser Ernährungssystem der Zukunft und wir diskutieren über das Recht auf Nahrung in Zeiten von globalen Krisen.

FoodFirst - Die zweite Staffel der FIAN-Podcastreihe

Im März dieses Jahres feierte die erste Staffel des FIAN-Podcasts auf Radio Orange Premiere. Nun, ein halbes Jahr später, geht FoodFirst in die zweite Runde. Passend zum Internationalen Tag der Demokratie, den die Generalversammlung der Vereinten Nationen 2007 ausgerufen hat und der am 15. September begangen wird, widmet sich die zweite Staffel von FoodFirst in drei Kapiteln der Frage, was unser Ernährungssystem mit Demokratie zu tun hat, wo es an der Umsetzung hapert und was wir mit Blick auf unser Ernährungssystem für unsere Demokratie lernen können.

FAQ zu Good Food 4All

FIAN unterstützt Good Food 4All - Die Europäische Bürger:inneninitiative für das Recht auf Nahrung. Damit wollen wir die Europäische Kommission zum Handeln auffordern, um allen Menschen in Europa einen Zugang zu gesunden und nachhaltigen Lebensmitteln zu garantieren. In diesem FAQ beantworten wir alle Fragen rund um Good Food 4All. Du hast weitere Fragen? Schreib uns an office[at]fian.at.

„The Farmer Case“: Belgisches Gericht ebnet den Weg für Klimaklage gegen TotalEnergies

Der Fall des belgischen Landwirts Hugues Falys zeigt, dass die Klimakrise zunehmend als Frage von Menschenrechten vor Gericht verhandelt wird. Das Gericht hat die Klage des Landwirts gegen den Energiekonzern TotalEnergies für zulässig erklärt, das Urteil in der Sache wird für den 9. September 2026 erwartet. Das Gericht begründete dies damit, zunächst eine Entscheidung in einem parallelen Verfahren gegen TotalEnegies in Frankreich abwarten zu wollen.

Menschenrechte hörbar machen: Der neue Podcast FoodFirst

Drei Folgen, ein zentrales Thema: Mit „FoodFirst“ startet FIAN Österreich eine neue Podcastreihe, die alle sechs Monate erscheint und Wege zu gerechteren Ernährungssystemen aufzeigt. Den Auftakt macht die Staffel „Im Schatten der Lieferketten“, die sich mit Menschenrechten in der globalen Lebensmittelproduktion auseinandersetzt.

Good Food 4All - Nahrung ist ein Menschenrecht für alle!

Mindestens ein Fünftel der europäischen Bevölkerung hat keinen Zugang zu angemessener Nahrung. Industrielle Lebensmittelsysteme verschärfen Ernährungsunsicherheit, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Verlust der biologischen Vielfalt, Ausbeutung von Arbeitskräften und Tierleid. Die EU muss das Recht auf Nahrung systemisch garantieren und gesunde, gerechte, humane und nachhaltige Lebensmittelsysteme für heutige und zukünftige Generationen fördern.

nach oben