Die Hände schützen, die uns ernähren – für eine bessere Zukunft für alle

Mit dem Verschwinden landwirtschaftlicher Betriebe gehen auch Lebensgrundlagen, lokales Wissen und Voraussetzungen verloren, die künftige Generationen benötigen, um ihr Land souverän zu bewirtschaften, Ökosysteme zu pflegen und ihre Gemeinschaften zu ernähren.

Weltweit wird landwirtschaftliche Fläche von den größten 1 % der großen industriellen Agrarbetriebe kontrolliert. In der EU schließen schätzungsweise täglich 1.000 bäuerliche Betriebe. Rund 9,1 Millionen Menschen, die derzeit in der Landwirtschaft tätig sind, werden innerhalb des nächsten Jahrzehnts in den Ruhestand gehen. Kriege und Konflikte vertreiben ganze Bevölkerungsgruppen, zerstören und verseuchen die Gebiete, die ländliche Gemeinschaften und indigene Völker der Nahrungsmittelproduktion widmen. Somit verursachen und verschärfen sie Ernährungskrisen und Hunger.

Die Art und Weise, wie Land heute bewirtschaftet wird, entscheidet darüber, ob künftige Generationen gesunde Böden, sauberes Wasser, Biodiversität und lebensfähige ländliche Gemeinschaften erben. Die Rechte von Kleinbäuer:innen und indigenen Völkern sind daher nicht nur eine Frage der Gegenwart, sondern auch von zentraler Bedeutung für inner- und generationsübergreifende Gerechtigkeit und Menschenrechte künftiger Generationen.

Junge Menschen kämpfen um den Zugang zu Landwirtschaftlicher Tätigkeit

Junge Menschen sehen sich mit erheblichen strukturellen Hindernissen für den Einstieg in die Landwirtschaft konfrontiert. Hierbei sind der Zugang zu und die Kontrolle über Land entscheidende Faktoren. Konzentration und Spekulation treiben die Preise in unerschwingliche Höhen, insbesondere für diejenigen, die keine Grundstücke erben können. Der zunehmende Wettbewerb um landwirtschaftliche Flächen, bedingt durch Investoren, die Energieerzeugung und große Infrastrukturprojekte, verdrängt insbesondere Klein- und Familienbetriebe, aus der Landwirtschaft. Mächtige Einzelhändler:innen und Unternehmen diktieren Preise, die die Produktionskosten kleiner Prduzent:innen nicht decken, entwerten bäuerliche Tätigkeit so und machen eine Vollzeitbeschäftigung in der Landwirtschaft wirtschaftlich unmöglich, wodurch viele in prekäre Teilzeitarbeit oder Verschuldung getrieben werden. Steigende Kosten für Öl und Düngemittel, verschärft durch Krieg, Landkonzentration und Spekulation, vertiefen bestehende Ungleichheiten weiter, insbesondere für kleine Lebensmittelproduzent:innen.

Strukturen im Bildungssystem verschärfen diese Probleme. In vielen Ländern gibt es kaum agroökologische Ausbildungsangebote. Genossenschaften und gemeinschaftlich geführte landwirtschaftliche Betriebe sehen sich mit administrativen Hürden konfrontiert und es fehlt ihnen an struktureller Unterstützung. Politische Teilhabe ist allzu oft nur symbolisch: Junge Landwirt*innen haben kaum sinnvolle Möglichkeiten, an politischen Entscheidungen mitzuwirken. Frauen und geschlechtsdiverse Menschen sind durch patriarchalische Erbschaftssysteme, strukturelle Diskriminierung und die systemische Unsichtbarmachung unbezahlter Care-Arbeit Unterdrückung ausgesetzt. In Kontexten von Krieg, Besatzung oder Konflikt stehen diejenigen, die Widerstand leisten, die Traumata bewältigen müssen und einer zerrütteten oder kolonialisierten Verwaltung unterworfen sind, vor noch größeren Herausforderungen und tragen eine erhöhte Last an Care-Arbeit und Überlebensaufwand.

Land und Territorien, Wissen und die Menschenrechte künftiger Generationen

Die Folgen dessen sind generationsübergreifend. Land, Wasser und Wälder dürfen nicht als Spekulationsobjekte behandelt werden, da sich ihre Fruchtbarkeit, Ökologie, Biodiversität und soziale Funktion über Generationen hinweg entfalten. Die Rechte auf Land und Wasser, wie sie in der UN-Erklärung über die Rechte der Bauern und anderer in ländlichen Gebieten tätiger Menschen (UNDROP) anerkannt sind, sind generationsübergreifende Rechte. Wenn derzeitige unterdrückerische Systeme die Ernährungssysteme von Bäuer*innen, Fischer*innen, Hirten und indigenen Völkern zerstören, hinterlassen sie künftigen Generationen ausgelaugte Böden, zerstörte Biodiversität, fragmentierte Wissenssysteme sowie von Konzernen kontrollierte Saatgut- und Landmärkte. Damit untergraben sie deren Fähigkeit, ihr Recht auf Nahrung zu verwirklichen.

Im Gegensatz dazu stehen Agroökologische Betriebe und andere lokale Ernährungssysteme als Vorreiter in Sachen Klimaresilienz und Naturschutz. Sie binden Kohlenstoff, regenerieren Böden, fördern die Artenvielfalt und federn die Auswirkungen extremer Wetterereignisse ab. Ihr Verlust ist nicht nur ein Gesellschaftlicher, sondern auch ein Rückschlag für die Anpassung an den Klimawandel und für das Recht künftiger Generationen auf eine saubere, gesunde und nachhaltige Umwelt. Der Schutz von Kleinbäuer:innen, ländlichen Gemeinschaften und indigenen Völkern bedeutet heute, ökologische Kreisläufe, Saatgutvielfalt und Wissen zu bewahren, das von einer Generation zur nächsten nicht wiederhergestellt werden kann.

Das Recht auf Nahrung als das Recht auf Selbstbestimmung

Die Verwirklichung des Rechts auf Nahrung erfordert einen politischen Wandel, um Ungerechtigkeiten zu überwinden und Macht neu zu verteilen. Dadurch sollen die Voraussetzungen geschaffen werden, die die Menschen benötigen, um Agrarökologie zu praktizieren und Ernährungssouveränität zu erreichen. Ökologische, soziale und politische Dimensionen sind eng miteinander verflochten. Gerechtigkeit und Frieden, das Recht auf Land, Saatgut, ein faires Einkommen und Selbstbestimmung bilden den Kern jeder nachhaltigen Zukunft.

Die in der UNDROP anerkannten Rechte von Kleinbäuer:innen bieten einen normativen Kompass für diesen Wandel. Sie stehen im Gegensatz zu Gewalt und zum vorherrschenden industriellen Ernährungsregime, das Macht konzentriert, ländliche Gemeinschaften vertreibt, Landwirt:innen in die Verschuldung treibt und die Verantwortung für die Beendigung des Hungers von Staaten auf Konzerne verlagert. Regierungen müssen ihrer Verpflichtung nachkommen, das Recht auf Nahrung und alle damit verbundenen Rechte durch öffentliche Maßnahmen zu schützen, zu achten und zu verwirklichen.

bedeutet, die Landverwaltung neu zu gestalten – mit Gesetzen gegen Spekulation, einer Begrenzung der Landkonzentration, der Gewährleistung der Haftung für Landraub und der Einrichtung öffentlicher Landfonds für Neueinsteiger:innen. Dabei sollen Kriterien des Gemeinwohls und des öffentlichen Interesses maßgeblich sein. Land sollte in den Händen derer liegen, die es bewirtschaften, pflegen und die Welt ernähren.

Das bedeutet, in diesen dringenden Fragen zu handeln:

  • Faire Einkommen sind entscheidend. Preise müssen die Produktionskosten decken. Öffentliche Unterstützung sollte Kleinbauernhöfen und lokalen, kleinen Lebensmittelproduzent:innen Vorrang vor der Dominanz der Agrarindustrie und des Einzelhandels einräumen.
  • Sozialschutz muss alle Betroffenen in Landwirtschaft, Fischerei, Viehzucht umfassen, einschließlich Saison- und informeller Arbeitskräfte. Pflegearbeit, die überwiegend von Frauen geleistet wird, muss sichtbar gemacht, anerkannt, wertgeschätzt und neu verteilt werden.
  • Die Agrarpolitik, wie etwa die europäische GAP, braucht einen Neuanfang. Sie muss sich von Flächenzahlungen pro Hektar lösen, die Kleinbäuer:innen benachteiligen und Neueinsteiger:innen ignorieren, und stattdessen Maßnahmen entwickeln, die für alle zugänglich sind und agroökologische Praktiken sowie die Bereitstellung öffentlicher Güter belohnen.
  • Wissen ist ein öffentliches Gut. Wir brauchen eine in den Regionen verankerte agroökologische Bildung, wie zum Beispiel Peer-Lernen unter Landwirt:innen, sowie Mentoring, das die über Jahrzehnte erworbenen Fähigkeiten und das Wissen weitergibt.
  • Demokratie muss real sein. Junge Landwirt:innen brauchen echte Mitbestimmungsmöglichkeiten, und Frauen sowie geschlechtsdiverse Menschen brauchen gezielte Wege in Führungspositionen, frei von Angst und Diskriminierung.
  • Lokale Märkte sollten gestärkt werden, um den Wert in den Gemeinden zu halten und die Abhängigkeit vom Export zu verringern, während man sich gleichzeitig weltweit für einen fairen, solidarischen Handel einsetzt.
  • In Kriegs- und Konfliktsituationen müssen Saatgut und traditionelles Wissen für den Wiederaufbau der zerstörten Ernährungssysteme geschützt werden. Die Instrumentalisierung von Nahrungsmitteln, Wasser und Land muss ein Ende haben. Kriege müssen beendet werden.

Hören wir wachsenden Jugendbewegung in der Landwirtschaft und in anderen ländlichen Bereichen zu und schützen wir sie. Ihre Botschaft ist klar: Verteidigen wir Land und Territorien als Gemeingut, investieren wir in Agrarökologie und öffnen Türen für diejenigen, die bäuerlich wirtschaften wollen. Die Rechte künftiger Generationen beginnen mit den Rechten ländlicher Gemeinschaften und indigener Völker von heute. Respektieren wir deren Leben.

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an die Generalsekretärin von FIAN International, Ana Maria Suarez Franco (suarez-franco[at]fian.org), Elisabeth Jost von FIAN Österreich (elisabeth.jost[at]fian.at) oder Naomi Reinschmidt von ÖBV-Vía Campesina Österreich (naomi.reinschmidt[at]viacampesina.at).

„The Farmer Case“: Belgisches Gericht ebnet den Weg für Klimaklage gegen TotalEnergies

Der Fall des belgischen Landwirts Hugues Falys zeigt, dass die Klimakrise zunehmend als Frage von Menschenrechten vor Gericht verhandelt wird. Das Gericht hat die Klage des Landwirts gegen den Energiekonzern TotalEnergies für zulässig erklärt, das Urteil in der Sache wird für den 9. September 2026 erwartet. Das Gericht begründete dies damit, zunächst eine Entscheidung in einem parallelen Verfahren gegen TotalEnegies in Frankreich abwarten zu wollen.

Menschenrechte hörbar machen: Der neue Podcast FoodFirst

Drei Folgen, ein zentrales Thema: Mit „FoodFirst“ startet FIAN Österreich eine neue Podcastreihe, die alle sechs Monate erscheint und Wege zu gerechteren Ernährungssystemen aufzeigt. Den Auftakt macht die Staffel „Im Schatten der Lieferketten“, die sich mit Menschenrechten in der globalen Lebensmittelproduktion auseinandersetzt.

Good Food 4All - Nahrung ist ein Menschenrecht für alle!

Mindestens ein Fünftel der europäischen Bevölkerung hat keinen Zugang zu angemessener Nahrung. Industrielle Lebensmittelsysteme verschärfen Ernährungsunsicherheit, Klimawandel, Umweltverschmutzung, Verlust der biologischen Vielfalt, Ausbeutung von Arbeitskräften und Tierleid. Die EU muss das Recht auf Nahrung systemisch garantieren und gesunde, gerechte, humane und nachhaltige Lebensmittelsysteme für heutige und zukünftige Generationen fördern.

Was is(s)t gerecht? Lehrgang für Multiplikator*innen

Für eine Veränderung in unserem Ernährungssystem braucht es junge Menschen, die etwas bewegen wollen. Genau für diejenigen gibt es diesen Lehrgang: An 8 Terminen zwischen März und September bekommst du das Wissen und die Skills, um Veränderungen anzustoßen und weiterzutragen – direkt aus Theorie und Praxis. Die Anmeldung läuft bis zum 01. Februar 2026!

Mit Agrarökologie den Boden für künftige Generationen bereiten und erhalten

Die Integration der Rechte künftiger Generationen in gegenwärtige Entscheidungsfindung stellt sicher, dass Entwicklungsbemühungen nachhaltig gerecht sind. Die Maastrichter Grundsätze liefern den rechtlichen und ethischen Rahmen, der die Verantwortung von Staaten und Unternehmen betont, die Rechte zukünftiger Generationen zu schützen. Die industrielle Landwirtschaft, die auf die kurzzeitige Maximierung der globalen Lebensmittelproduktion mithilfe externer Inputs abzielt und damit unsere Umwelt und Ökosysteme zerstört, steht dem Erhalt der natürlichen Lebensgrundlagen für kommende Generationen entgegen.

Entschädigung für vertriebene Familien aus Kambodscha

In der ersten transnationalen Menschenrechtsklage Südostasiens gingen über 700 Familien aus Kambodscha rechtlich gegen den größten Zuckerproduzenten Asiens vor und erreichten nun eine finanzielle Entschädigung. Durch ein gerichtliches Vermittlungsverfahren erzielten die Kläger:innen im Februar 2025 einen Vergleich mit dem Unternehmen, welches im Mai eine Zahlung an die Gemeinden leistete.

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